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Lagerleben 2

Die Fotografin Judith Michaelis und ich besuchen Auschwitz. Es ist eine Tagestour von Krakau nach Auschwitz am 06.07.02, Fahrtzeit 1 h 22 min. Auschwitz/Birkenau liegt rund 60 km vor Krakau. Hier ließ Hitler 1940 das größte Konzentrationslager in der Zeit des Zweiten Weltkrieges errichten. Am 14 Juni 1940 kamen die ersten 728 Häftlinge aus Tarnow, dort erinnert ein Mahnmal an diesen ersten Transport in das Vernichtungslager Auschwitz.
Etwa 1,5 Millionen Menschen, in der Mehrzahl Juden,kamen hier ums Leben. Zunächst in Auschwitz I, ab 1941 in drei Kilometer Entfernung in Birkenau oder Auschwitz II, ab 1942 in Monowitz dem Lager der IG Farben oder Auschwitz III, schließlich von 1942 bis 1944 noch in 40 Nebenlagern. Das Stammlager Auschwitz I wurde nach dem Krieg als Gedenkstätte bewahrt. Fast die gesamte Anlage mit ihren Gefängnisblocks, der Todesmauer mit dem sogenannten „Todesblock“ und den Wachtürmen ist erhalten, allerdings verwischte die SS die Spuren des Verbrechens. Im Sommer 2002 wurden die Stacheldrahtzäune aufwendig in Stand gesetzt. Birkenau oder Auschwitz II ist ein riesiges Areal, wo die systematische Liquidierung sogenannten „unwerten Lebens“ in Gaskammern industriell betrieben wurde. Die Rampe mit den Eisenbahngeleisen, die sich im weiten Gelände verliert, legt noch ein bedrückendes Zeugnis ab vom Völkermord der Nationalsozialisten. Von den hölzernen Baracken war 2002 kaum etwas übrig, aber die Kamine standen und ein besseres Sinnbild konnte es nicht geben als Kamin an Kamin über ein unüberschaubares Feld regelmäßig verteilt. In Birkenau gibt es einen Teich mit Menschenasche, Ruinen der vier Krematorien und der Gaskammern, Orte der Verbrennungsgruben.
Besuchergruppen? Atmosphäre? Belebtes Auschwitz, Birkenau menschenleer, und die Besucher scheinen sich zu verlaufen auf dem riesigen Areal. Durch ein Tor zogen täglich die Häftlinge ein und aus und wurden dabei gezählt. Auf einem kleinen Platz spielte das Lagerorchester Märsche. Diese Musik erleichterte das Zählen durch die SS-Männer, weil sie dem Durchmarsch der Tausenden von Häftlingen den Takt vorgab. Die 28 Gebäude fassten durchschnittlich 13000 bis 16000 Häftlinge. Die Listen der Zählungen sind erhalten und ausgestellt. In Birkenau waren 100000 Häftlinge auf 175 ha in 300 Baracken von denen nur die Kamine und Umrisslinien blieben. Wir fuhren mittags nach Auschwitz und kamen um 14 Uhr am Bahnhof an. Dort gab es ein Restaurant und einen kleinen Supermarkt, wo wir uns verpflegten. Kurz vor 19 Uhr fuhren wir zurück und waren gegen viertel nach Acht zurück in Krakau. Für die Strecke Auschwitz-Birkenau nutzten wir das Taxi für 10 bis 14 Zloty. Einen deutschen Museumskatalog kauften wir für 3 Zloty. Doch auf eine Führung verzichteten wir. Wir gingen selbständig über das Gelände und verweilten nur kurz in der eigentlichen Ausstellungshalle.
Am 06.07.2002 spielen Kinder in Auschwitz im Konzentrationslager, das heute ein Museum ist. Die Stacheldrähte sind von den Pfosten abgenommen und liegen am Boden. Die Häuser aus rotem Backstein beherbergen keine Häftlinge, sondern Ausstellungen zu ihrem Sterben hier. Durch das ehemalige Todeslager marschieren heute wohlbeleibte Touristen und besucher, die zahlreiche Photos schießen, wo Jahrzente zurück ausgemergelte Insassen erschossen wurden. Das gemalte Bild vom Einmarsch der Häftlinge ist nicht authentisch, denn die Architektur ist nicht so wiedergegeben, wie sie heute dasteht, oder ist das heutige Lager nicht authentisch? Erschütternd, dass Stampfen der Besuchergruppen erinnert an den Einmarsch der Häftlinge. Judith sagte: „Völkerwanderung. Fotografisch enttäuschend.“ Die Stacheldrahthalterungen werden restauriert.
Der geschäftstüchtige Taxifahrer, der uns für 14 zloty von Auschwitz nach Birkenau gefahren hat, wollte direkt die Rückfahrt verabreden: „Im Jahr kommen 500 000 Besucher, durch Schindlers Liste, wer hier in der Gegend ist, besucht auch Auschwitz.“
Schon in Auschwitz finden sich Gaskammern. Judith ist erstaunt: „Gaskammern? Ich habe gedacht, dafür muß man nach Birkenau...“ Es ist 17 Uhr und es herrscht brütende Hitze und scheinbar endlose Weite des Lagers Birkenau. Auch hier werden die Zäune renoviert.
Vogelstimmen, Kohlweißlinge flattern durch das Gelände, erinnern an die letzte Szene des Films „Im Westen nichts Neues“. Zirpen von Zikaden oder gemeinen Grashüpfern. Der Kies knirscht unter den Schritten, Autoverkehr brandet an dem Hauptgebäude vorbei.

von Jan Michaelis

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