Der giftige Ostblick
Von Jan Michaelis
Vorabveröffentlichung eines Kapitels
aus einem Romanmanuskript
Ihr Flug war pünktlich. Judith Theelen war am späten Vormittag in Sankt Petersburg angekommen. Trotzdem wartete niemand auf sie. Sie stieg in das erste Taxi der Reihe und sagte auf Russisch: „Zum Hotel Sankt Petersburg!“
Der Taxifahrer erwiderte auf Deutsch: „Frau Theelen, ich fahre sie zuerst ins Krankenhaus.“
Judith zuckte zusammen. Warum kannte der Fahrer ihren Namen? Die Antwort kam sogleich: „Es ist dem FSB sehr unangenehm, dass Karl Plötz verstorben ist.“
Die Nachricht vom Tod ihres Vorgängers traf Judith wie eine kalte Dusche. Der Fahrer musste es ihr wohl ansehen. Er zog an seiner Zigarette und schaltete einen Gang hoch. Sie fuhren jetzt an einem monumentalen Kunstwerk vorbei auf einer mehrspurigen Straße durch die Stadt.
„Haben sie keine Angst, Frau Journalistin, die KGB-Zeiten sind vorbei!“ beteuerte der Agent.
„Kommen jetzt die FSB-Zeiten?“ fragte Judith, denn sie wusste, dass die Nachfolgeorganisation des KGB dort weitermachte, wo der KGB aufgehört hatte, nur der Name war einfach untragbar geworden, das Image des KGB wollte man loswerden.
Die Stadt wischte an den Fenstern des Lada vorbei. Der Agent sagte: „Doch wir haben damit nichts zu tun. Gerade jetzt bringt ein Mord an einem Journalisten zu viel Aufsehen.“
Judith zuckte zusammen: „Ermordet?“
Sie hatte mit allem gerechnet, sogar mit einer Verhaftung – nur nicht damit!
„Wir stecken da in der Klemme. Ich stecke in der Klemme, nennen sie mich Dimitri! Ich muss die Sache zu einem glücklichen Abschluss bringen. Der Arzt bescheinigte einen natürlichen Tod. Mir kann das nur recht sein. Aber es ist eben nicht die Wahrheit. Sie werden die Wahrheit herausfinden, Frau Theelen. Ich helfe ihnen, vertrauen sie auf Dimitri! Aber ermitteln müssen sie schon selber! Denn wenn wir vom FSB hier etwas aufdecken, nimmt uns die Öffentlichkeit das nicht ab. Aus politischen Gründen ist es besser, eine unabhängige Journalistin wie sie, Frau Theelen, löst den Fall.“
Das schwarze Taxi fuhr mit Tempo 90 durch die Stadt. Dimitri drückte seine Zigarette in dem vollen Aschenbecher aus: „Schließlich wollen wir mit der Sache nichts zu tun haben. Doch ich kann ihnen soviel sagen – ist aus Eifersucht passiert.“
„Moment Mal! Das geht mir zu schnell!“
„Für uns gilt kein Tempolimit!“
„Ich meine nicht ihren Fahrstil, sondern ihre apokalyptischen Offenbarungen. Ich lasse mich da auf keinen Deal ein!“
„Aber davon kann keine Rede sein, wir wollen ja jeden Skandal vermeiden.“ Judith funkelte ihn kampfeslustig an. Wenngleich sie in der schlechteren Ausgangslage war. Dimitri blickte treu in den Rückspiegel.
Der schwarze Lada hielt jetzt vor dem Hospital.
„Wie stellen sie sich das vor? Unsere Zusammenarbeit?“ fragte Judith, während sie ihre Reisetasche nahm.
„Lassen sie doch! Ich habe sowieso keinen anderen Fahrgast.“ Grinste der Agent. „Ich fahre sie nachher ins Hotel Sankt Petersburg.“
„Und dann? Folgen sie mir dann wie ein Schatten?“
„Frau Theelen!“, giftete er mit forschem Ostblick, „Ihnen geht die Fantasie durch! Bitte! Ich denke ich liefere ihnen wirklich wichtige Anhaltspunkte. Jetzt gehen sie hinein und dann fragen sie nach Schwester Tatjana! Sie werden schon sehen: Der FSB hat damit nichts zu tun.“
Judith holte tief Luft. Sie dachte: Augen zu und durch! Dann schob sie das Kinn vor. Zielsicher fand sie Schwester Tatjana. Man hatte ihr am Empfang gesagt, dass Tatjana es war, die Plötz zuletzt betreut hatte. Hatte Tatjana ihn umgebracht? Dann fehlte in der Dreiecksbeziehung eine zweite Frau, auf die sie eifersüchtig gewesen sein könnte.
Minuten später stand Judith vor dem kyrillischen Schriftzug: Krebsstation. Die Stimme von Tatjana war sanft: „Sie haben nach mir gefragt?“
Judith sah, dass Tatjana mit Tränen kämpfte. Es war also wahr, diese Frau hatte ihn geliebt. Sie könnte aus Eifersucht …
Das Gespräch im Schwesternzimmer nahm einen unerwarteten Verlauf. Tatjana blickte zum Fenster hinaus, während sie mit tränenerstickter Stimme erzählte von ihrer Liebe zu Karl und von ihrem Mann Georgie, der Manager im Hotel Sankt Petersburg war. Dort hatten Karl und Tatjana sich kennengelernt.
Judith musterte die schlanke, blonde Russin. Die Frau war verzweifelt. Judiths verwarf ihren erster Verdacht, Tatjana konnte unmöglich Karl ermordet haben. Außerdem war er an Krebs gestorben. Es war kein Mord! Dimitris Informationen hatten den Wahrheitsgehalt des XXIII Parteitags, da war Judith sich jetzt sicher: „Erzählen sie mir von Karl!“
Die Russin starrte in den blauen Himmel: „Mein Georgie hatte mit Karl Freundschaft geschlossen. Er hat ihn in seinen letzten Tagen oft besucht und ihm seine Lieblingsspeise ans Bett gebracht: Karamellpudding. Er war rührend um Karl besorgt. Schon im Hotel hatte er immer Karamellpudding als Nachtisch bestellt. Später kam er oft zu uns essen, und Georgie hat es sich nicht nehmen lassen, für ihn in der Küche seine Leib- und Magenspeise anzurühren. Karl nahm dann stark ab. Da hat Georgie ihn täglich gefüttert. Zum Schluss war Karl so schwach, da habe ich den Pudding hier in den Kühlschrank im Schwesternzimmer verstaut. Sie öffnete den Kühlschrank: „Sehen sie, Frau Theelen! Ich kann ihn nicht wegwerfen, ist doch Karls Pudding!“
Judith erschrak: „Wie alt ist der Pudding?“
„Einige Wochen, hier drin wird er nicht schlecht! Er ist noch genau, wie Georgie ihn zubereitet hat!“
Judith hatte einen schrecklichen Gedanken.
„Kann ich mir den mitnehmen?“
„Aber bitte, von uns mag keiner diese Sorte!“
Dimitri schaute verwundert auf. Judith drückte ihm den Joghurtbecher in die Hand: „Lassen sie von dem Zeug eine Analyse machen! Es gibt doch sicher ein Labor in Petersburg!“
Dimitri setzte Judith am Hotel ab und fuhr ohne Geld zu verlangen fort.
Judith stand fassungslos am Ufer der Newa vor dem Hoteleingang. Sie betrat die Eingangshalle und checkte ein.
Dann ging sie auf ihr Zimmer und wartete. Sie vertrieb sich die Zeit, in dem sie eine Dusche nahm und sich frisch anzog. An Schlaf war nicht zu denken.
Im Hotelzimmer von Judith traf noch am selben Abend ein Telefonat ein: „Hier spricht Dimitri. Sie haben einen Volltreffer gelandet. Im Pudding war 1000 mg Polonium, reicht aus, um drei Elefanten umzubringen.“
„Aber warum ist das nicht aufgefallen?“
„Karl wurde wegen eines Selbstmordversuchs eingeliefert.“
„Ja, davon hat mir schon Tatjana erzählt.“
„Man hat da nichts vermutet.“
„Wie konnte Georgie an das Polonium kommen?“
„In Russland gibt es alles. Man kommt über das Internet daran.“
„Werden sie Georgie verhaften?“
„Wenn sie Anzeige erstatten!“
„Sicher tue ich das! Georgie hat Karl damit noch am Krankenbett gefüttert. Es war tatsächlich ein Mord aus Eifersucht. Und Georgie wollte ganz sicher gehen, dass Karl starb.“
„Gut, dann erstatten sie morgen Anzeige! Gute Nacht!“
Das Knacken in der Leitung ließ Judith frösteln. Ihr Blick ging aus dem Hotelzimmerfenster über die Stadt, die im Abendlicht lag. Dort lag der Panzerkreuzer Aurora. Ja, morgen würde sie Georgie anzeigen. Dimitri hatte ihr noch gesagt: „Sie haben uns einen großen Gefallen getan! Fühlen sie sich ab jetzt bitte ganz unbehelligt!“
Doch sie spürte diesen Blick, diesen Agentenblick, diesen giftigen Ostblick. Es würde nicht leicht werden, diesen ersten Eindruck von Sankt Petersburg abzustreifen. Langsam glitt sie in den Schlaf und dachte dabei: Morgen! Morgen würde sie sich davon befreit haben und die tägliche Arbeit als Korrespondentin würde morgen beginnen.





