Kurzgeschichten
Ein schärferes Schwert.
frei nach einer Parabel des alten Japan
Ein Samuraikämpfer suchte das schärfste Schwert, denn er wollte sich als Kämpfer hervortun.
Er ritt von Dorf zu Dorf am Fluss Do entlang. In dem ersten Dorf am oberen Lauf fragte der Samurai den Schmied:
„Kannst Du das schärfste Schwert schmieden?“
Der Schmied sagte:
„Ich werde mein bestes geben, verehrter hoher Herr, das schärfste Schwert zu schmieden.“
Eine Woche beschäftigte sich der Schmied mit der Waffe. Das Schwert war reine Handarbeit. Mit dem Schmiedehammer bearbeitete der Waffenschmied das Metall und auf Stein glättete er die glänzende Stichwaffe.
Der Samurai tauchte die Waffe ins Wasser des Flusses. Ein Holz trieb heran und wurde in der Mitte quer geteilt.
„Dies ist das schärfste Schwert.“sagte der Samurai und zog in den Kampf. Den gewann er. Das Schwert schnitt dem Gegner durch die Rüstung.
Jetzt war der Samurai ein Kämpfer von Rang. Da machte er sich auf den Weg, ein schärferes Schwert zu finden, denn er wollte einen Reitertrupp anführen.
Der Samurai fragte in einem Dorf am Fluss Do:
„Wer beherrscht die Kunst des Waffenschmiedens?“
„Der Klingenschmied.“ sagten die Dorfbewohner und zeigten dem Samurai den Weg zur Schmiede. Dort trat er ein und sah den Schmied am Amboss ein glühendes Eisen mit schweren Schlägen traktieren.
„Ich suche das schärfste Schwert.“ sagte der Samurai zum Schmied. Der machte einen Bückling und ging mit dem Samurai an den Schrank mit den Waffen. Mit geübtem Blick wählte der Schmied ein Metallblatt, das blitzte. Dann prüfte er die Klinge zwischen Zeigefinger und Daumen. Der Schmied sprach: „Dies ist meine schärfste Klinge. Doch ich werde Ihnen, hoher Herr, eine schärfere Klinge herstellen.“
Eine Woche widmete der Schmied sich seinem Werk. Das Schwert war reine Handarbeit. Mit dem Schmiedehammer bearbeitete der Klingenschmied das Metall und auf Stein polierte er die Hiebwaffe glänzend. Der Samurairitter tauchte die Klinge in den Fluss. Als ein Ast angetrieben kam, wurde er in der Mitte gespalten längs das ganze Holz entlang in zwei Hälften, die weiter den Strom abwärts fortgeschwemmt wurden. Der Samurai sagte: „Dies ist das schärfste Schwert.“
Sein Reitertrupp rieb die Gegner rasch auf und riss in ihre Reihen große Lücken, das Schwert schnitt mühelos durch Stein. Jetzt war der Samurai ein Reitertruppführer von Rang. Da machte er sich auf, ein schärferes Schwert zu finden, denn er wollte ein Heerführer werden.
Der Samurai ritt den Fluss Do entlang durch die Provinz Ai. Endlich fragte er in einem Dorf: „Wer beherrscht hier die Kunst des Waffenschmiedens?“
In diesem Dorf sagte man: „Der Schmied.“
„Zeigt mir den Weg zur Schmiede!“, sprach da der Reitertruppführer. Müde vom Ritt wollte er trotzdem sofort dem Schmied das schärfste Schwert in Auftrag geben. So mächtig war sein Wunsch, Heerführer zu werden. Er fand den Schmied lesend auf seinem Amboss sitzend.
Der Samurai sprach den Schmied an: „Beherrschst Du die Kunst des Waffenschmiedens?“
Doch der Schmied war so vertieft in sein Buch, dass er nicht hörte. Der Samurai stand lange auf der Schwelle zur Schmiede. Da erhob sich der Schmied, um die Türe zu schließen. Als er den Samurai sah, legte er das Buch aus der Hand und machte artig einen Bückling. Nun beantwortete er die Frage des Besuchers.
„Ich bin der Schmied. Aber ein Ritter ist selten mein Auftraggeber. Eher schon schmiede ich Nägel und treibe Kessel. Und Haken kann ich besonders gut, auch solche zum Schüren von Feuer. Möchte der hohe Herr vielleicht einen Schürhaken?“
Der Samurai sprach: „Schmiede mir das schärfste Schwert!“
Eine Woche gab sich der Schmied ganz der Arbeit an der Klinge hin. Das Schwert war reine Handarbeit. Mit dem Schmiedehammer bearbeitete der Schmied das Metall und schliff die Waffe auf Stein. Und zum Schluss schlug der Schmied ein Wort mit einem Meißel hinein.
Der Reitertruppführer nahm das Schwert und tauchte es in den Fluss, ein Holz wurde angetrieben. Aber das Holz wurde vom Schwert nicht berührt, sondern wirbelte um die Klinge herum und trieb weiter ins Meer, ohne Schaden zu nehmen.
Da zog der Samurai die Klinge aus dem Wasser und sprang damit dem Schmied an die Gurgel.
Der Schmied blieb ruhig und sagte:
„Hoher Herr, seht doch wie scharf das Schwert ist. Es ist so scharf, dass es den Angreifer schont. Das ist die Schärfe des Wortes.“
Das erklärte der Schmied, und der Samurai zog in die Schlacht mit dem Schwert, und in wenigen Stunden besiegte er das feindliche Heer. Jetzt war er ein Heerführer von Rang. Dann schickte er seine Soldaten aus: „Holt mir alle Bücher, Lehrer und Schreiber aus der ganzen Provinz Ai!“
Der Samuraigeneral wollte Lesen und Schreiben lernen. Denn aus Stolz hatte er nicht gewagt, den Schmied zu fragen, welches Wort dieser in die Klinge gemeißelt hatte. Als der Samuraigeneral lesen konnte, erschrak er. Auf der Waffe stand: „Frieden“.
Der zappelnde Karpfen
Replik auf die Fabel „Der kleine schwarze Fisch“ von Samad Behrangi, die ich als Aufforderung zum Selbstmordattentat lese und deshalb darauf erwidere:
Der kleine Karpfen schwamm flussabwärts. Er sagte: „Ich will etwas erleben.“ So wühlte er im Schlamm nach Schnecken und Würmern. Gelegentlich schnappte er ein Pflanzenteil, wenn es an ihm vorbeitrieb.
Die älteren Fische warnten ihn : „Pass gut auf Dich auf, Karpfling! Es ist gefährlich im Fluss. Hüte Dich vor dem Kormoran, einem geübten Jäger. Schlimmer noch ist der Pelikan, der im Rudel jagt. Ihm genügt nicht ein einzelner Fisch als Beute.“.
Da bekam der Karpfen Angst. Er war ja ein Winzling. Alle nannten ihn „Karpfling“. Er ließ sich die Feinde beschreiben. Die älteren Karpfen wussten alle genau, wie die Jäger aussahen. Sie konnten schon oft entkommen. Doch der Karpfling konnte dem Kormoran nicht entkommen. Der Kormoran jagte, fing und schluckte ihn.
Nach der Jagd unter Wasser war das Gefieder vollgesogen. Deshalb stellte sich der Kormoran zum Trocknen auf und spreizte seine Flügel. Die Sonne trocknete sein Gefieder, der Wind föhnte seine Flügel. Das dauerte lange, denn sein ganzes Federkleid musste trocknen. Die braunen Flügelfedern, die grauen Körperfedern, die weißen Backenfedern. Selbst sein langer, gelber Schnabel mit dem Haken vorne und seine Augen wurden von Wind und Sonne getrocknet.
Der Karpfling war die ganze Zeit im Hals, denn der Kormoran wollte ihn erst später zerhacken und schlucken. Der Karpfling zappelte vor Angst wie wild. Da spuckte der Kormoran den zappelnden Karpfen aus. Die Sonne kitzelte seine Schuppen. Die Bäume am Ufer spendeten ihm Schatten und streuten Kirschblüten auf seinen Weg.
Friedlich plätscherte der Wasserlauf in dem der Karpfling schwamm. Zwei Dutzend Pelikane schwammen in einer breiten Linie langsam auf das Ufer zu. Die weißen, untersetzten Vögel patschten heftig mit den Flügeln auf die Wasseroberfläche. Dazu ruderten sie kräftig mit ihren Schwimmfüßen unter Wasser. Die Pelikane stocherten im Wasser herum mit diesen enorm großen Schnäbeln. Fünfzig Meter weiter hinten rückte eine zweite Linie Pelikane an. Die beiden Gruppen vereinigten sich zu einer langen Kette. Wenige Meter vor dem Land, wo das Wasser ganz seicht war, konnte kein Karpfen entwischen. Wie auf Kommando tauchten alle Pelikane ihre Schnäbel tief ins Wasser und schnappten nach ihrer Beute. Auch der kleine Karpfen konnte nicht entkommen.
Der Karpfling saß mit den anderen Fischen dicht gedrängt im Schnabelsack eines Pelikans fest. Dann flog der Pelikan im warmen Aufwind in die Höhe. Elegant glitt er auf die Brutkolonie zu. Dort schrieen hungrig die jungen Pelikane in den Nestern am Boden des Ufers.
Nach der Treibjagd blieb also wenig Zeit. Noch im Flug mussten sich die Fische befreien. Deshalb zappelte der Karpfling wie wild. Aber vergeblich. Die anderen Fische sagten: „Hör auf zu zappeln! Es ist eng genug hier. Du stößt uns nur. Siehst Du nicht wie aussichtslos unsere Lage ist?“
Der Karpfling erzählte den anderen Fischen , wie er sich aus dem Hals des Kormoran befreit hatte. „Das ist ja schön und gut.“ sagten die Fische. „Du bist dem Kormoran entkommen. Aber dem Pelikan hier entkommst Du nicht. Dein Zappeln macht dem Pelikan nichts aus. Aber uns drückt es. Laß es!“
„Nein, ich lasse es nicht. Und wenn ihr mitmacht und wir alle zusammen zappeln, dann wird es so heftig sein, dass uns der Pelikan ausspucken muss. Laßt es uns gemeinsam versuchen!“
Der Karpfling hatte so mitreißend erzählt, dass sie tatsächlich alle gemeinsam zu zappeln begannen. Da musste der Pelikan sie ausspucken.





