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Gedichte



vier zukunftsweisende Gedichte

Anleitung zur Abfassung zukunftsträchtiger Lyrik

Schlag auf ohne Angst
das Zukunftswörterbuch
mit der Futurologie
der deutschen Sprache
und lese darin über
Wirken und Werden der Worte
Bis ins Jahr 3000!

Erhoffe nicht zuviel,
sondern vergleiche
im Großen Wörterbuch der Futuronyme,
dem „Kleinen Morus“
mit über 3000 Angaben
zukünftig zutreffender Verwendungen!

Mach dich vertraut
mit den neuen Entwürfen
der Rechtschreibreformen!
Der Rechtschreibrevolten
Pamphlete studiere bemüht!

Und schreiben!
Schreibe einfach!


Bilanz

Zuviel
Zukunft
Zu oft
Gehofft
Zuspät


Kassandra ála Poeta

Die im Alltäglichen
trennt es schärfer.
Zeit ist stets
Vergänglichkeit, Vergänglichkeit.
Dass sich etwas verwandelt?
Braucht es keinen Zauber?
Reicht des vorgefundenen
Name?
Verwandelt findet sich Troja
gleichviel Asche
angerührt in Schalen
zu Tinte
auf Pergament.

Asche im geschriebenen Wort,
das Leben zu bewahren
den späteren Generationen.
Nachrückenden Generationen
klafft doch die Wunde
in Urnen in Regalen.
Urnen blättern sich auf.

Asche auf jedem Blatt.
Verwandlung durch jede Seite.
Lesen als alchemistisch ...


Aus der Traum

was geht
was bleibt
was kommt?
was kommt denn da
so morgenschön?
so morgengrau
was bleibt bestehn?
so morgenrot
vergeht die not?
geht geht
kommt geht
so geht doch
endlich bleibt
nicht was
was bleibt
geht nicht
kommt nicht
was was
kommt bleibt kommt
geht bleibt geht
bleibt bleibt bleibt


Neun Gedichte

1. Blau gestoßenes Gedicht
Das Buch, das die Tage festhält.
Der Himmel, dem die Wolken fehlen.
Die Hausdächer, die der Bauvorschrift zu widerlaufen.
Blau, blau, blau.

Das Bein vom Knie abwärts.
Der Bauch der Wasserleiche.
Baudelaires Herren in Azur.
Blau, blau, blau.

Die Lettern von Schumachers Alt.
Der Schriftzug für das Autohaus Becker.
Der Aschenbecher im Schnabelewobski.
Blau, blau, blau.

Alle meine Kleider.
Alle meine Gedichte.
Alle meine Reime.
Blau, blau, blau.

Wir machen uns erst noch einen Namen.
Wir Anonyme Autoren.
Und dann machen wir...
...Karriere? - Das auch, aber erstmal:
Blau, blau, blau.


2. Der blaue Bote bringt Briefe
Zwei Handwerker sehen einen Briefträger:
"Die Post ist nicht mehr gelb." sagt der eine.
"Die Zeiten sind vorbei." winkt der andere ab.
"Die sind jetzt blau."

Die gelbe Post hat seit 2000 Konkurrenz.
Die private Briefdienste nennen sich Blitzkurier oder First Mail.
Die Menschen nennen sie "blaue Post",
weil die Dienstkleidung blau ist.

Die Alternative zur Post stellt eine blaue Tasche
und eine blaue Windjacke, sowie ein blaues T-shirt.
Der Briefträger ist mit dem eigenen Fahrrad unterwegs.
Ein Kunde nennt ihn scherzhaft den "blauen Boten".

Bei Wind und Wetter muß er raus,
im Winter dick eingepackt
unter seiner blauen Windjacke,
im Sommer im blauen T-Shirt.

Stolz zeigt der "blaue Bote" den blauen Fahrradhelm,
der ist ein Geschenk seiner Frau zum Valentinstag.
Die Vorgesetzte des Briefträgers sagt:
"Fehlen nur noch blaue Schuhe!"

"Stimmt, die habe ich ja auch noch." sagt der blaue Bote.
Manchmal hat er sogar blaue Socken an.
Wenn er dann die Briefe bringt, ganz in Blau,
dann hoffentlich keinen blauen Brief.


3. Es braucht Ruhe
Ich werfe meinen Mann raus. Ich werfe mein Kind raus.
Ich setze den Hund vor die Tür. Endlich habe ich Ruhe.
Mehr brauche ich nicht in meinen vier Wänden.
Dann entstehen die schönsten Gedichte.

So habe ich schon Bücher gefüllt ohne Zahl.
Meine Gedichte werden gelesen.
Die Bücher werden gekauft ohne Zahl.
Mehr brauche ich nicht, keinen Ruhm, keinen Rummel.

Aber Ruhe.
Und danach meinen Mann, mein Kind und meinen Hund,
der als erstes an der Tür zu meinen vier Wänden scharrt.
Mein Hund hat noch nie ein Gedicht von mir gelesen.

Es wäre für den Absatz meiner Bücher nur förderlich,
wenn die Hunde schon mal anfangen würden,
wenigstens so zu tun, als könnten sie lesen
und sich eins meiner Bücher ohne Zahl kauften.


4. Industriegebiet
rote Kräne recken ihre Hälse hoch in den Himmel
quält ein Kühlturm künstliche Wolkenwogen
grau, blau und gelb ruhen riesige Quader
auf ihnen werden Namen genannt von Firmen und Fabriken
blühende Verblendungen aus poliertem Metall
formen Rohre nach
Schienen fressen sich durch den Asphalt von Halle zu Halle
grau die Gaskugel, Globus dem die Kontinente verblichen


5. Gedichtwagen
Replik 3 auf Bertold Brecht „Der Radwechsel“
Der Gedichtwagen steht bereit
Noch ruhen die Wortspeichen
bald drehen sie um die Gedankenachse

Schau die Kopfnabe
Schau die Brustnarbe
Raumgreifend


Zeitschreitend
Keiner wage es ins Rad
zu greifen!

Speichenbruch
hindert nicht das Fortkommen
Gedanken reifen

haften am Wortboden
Reibung
Rausch der Fahrt

im Wagen des Gedichts


6. Mediterané - Mittelmeerliebe
Grillen übertönen zirpend die Kühlschränke
gegrilltes sättigt sehr schnell
Uszo macht die Nase frei

halber Höhe vom Berg zurück ins Tal
mit Markisen hält man der Sonne stand
die Inseln können warten

Schlichtheit, einfach und großartig
kündet kykladische Kunst
rosa blüht der Oleander jedem

Deine Knospen seien mir nur vorbehalten
von deinen feingliedrigen Händen
breche mir das Brot

marmorne Göttin sanfte Geliebte
wilde Pflanze seltenster Sorte
einem begann der Tag nur mit einer Ahnung von Dir

begrüßte mich das Meer
aber Du kamst den weiten Weg
gingst wie ich durch enge Gassen

ohne Zögern
aber mit Ruhe, Sicherheit des Schritts
schon spüre ich deine Nähe

schon weht mich der Duft deiner Seele an
und rosig scheint der Tag zu enden
wer könnte ohne Hoffnung leben.


7. Reise nach Griechenland
viele Mitfahrende dösen, schlafen
Woher kommt diese Müdigkeit?
Auch auf mich wirkt sie
von diesem passiven Bewegtwerden

Es scheint, wir seien zur Tätigkeit geboren
an der anderen Seite sitzt ein Junge
arbeitet schnitzend und schmirgelnd
an einem Spielzeugboot

die Feigenbäume tragen noch ihrer
jetzt ausgedörrten Früchte genug
nur die feigen Bäume ducken sich
vor Wind und Sonne

diese hier nicht, sind vielmehr prächtige Burschen
wollen mit der Erbsünde nichts zu tun haben
wenn alles so leicht fiele, wie der Sand vom Rücken
wenn du dich nass noch vom Meer hingelegt

um mit Armen und Beinen rudernd einen Engel zu gestalten
künde mir die Farbe des Meeres
Man kann den Bus nehmen
um zum Strand zu gelangen


8. Für Dich
Zu sagen der Aufbruch fällt schwer
war gemein
wo du so sehnsüchtig bist
es zieht dich an: das Meer

Sie ist gestillt: die Sehnsucht
wir waren da
es ist noch da
du atmest Seeluft und streust Sand

mir auf die Sohlen der Füße
Kalt wogt das Wasser
du wolltest hierher
wo du Hände voll Muscheln

mich umarmst wie der Wind
der wehte Kühle ins Haar
es ist noch da
brandet in uns: längst zurück sind wir jetzt

nicht ganz gelang uns die Wiederkehr
die Füße sind sandig
die Zunge voll Salz
es ist noch da: für dich das Meer

9. Taxi, Taxi
Ich fahre Taxi, um zu schreiben
Ich schreibe Gedichte
Ich schreibe Krimis
Ich schreibe Reportagen
Ich schreibe wie der Bauer in Feldfruchtfolge
Ich schreibe dies, das und jenes
Nur wer schreibt, kann veröffentlichen
Nur wer veröffentlicht, kann gelesen werden
Nur wer gelesen wird, kann gefallen
Und wer gefällt, dem fällt zu
Ein Auftrag - erst nur bescheiden
Dann der Vertrag als Autor
Nur nicht so bescheiden
Ich bin so Textchef geworden
Es reicht gerade mal dazu, in Urlaub zu fahren
Aber ich schreibe und fahre Taxi
Als zahlender Gast und bezahlter Autor
All meine Sorgen waren unnötig
Es hat sich oft von selbst geregelt
Und meist zu meinem Vorteil

Denn wenn du denkst, es geht nicht mehr
Kommt irgendwo ein Taxi her

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