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Reiseberichte und Reisegedichte



Piemont

Hier fließt Fluß Po durch Sand
Durch Kalk bedichtet von Fenoglio
Der nimmt Dich an die Hand

Und leitet Dich durch der
Savoyen Land das Tal den Berg
Wo eine Stadt vom Alter schwer

Und deren dunkle Zeit er kennt
Und uns den Fremden gleichfalls scheint
Durch diese Heimat wie er’s nennt

Die Helden trugen hier Gewehr
Wie uns erklärt Freund Beppo
Als in der Kneipe „Bitte sehr“

Der Kellner uns gewünschtes bringt
der sich im Chorgefängnis sonnt
Und dabei „Va pensiero“ singt

Hier läßt sich’s leben: im Piemont

Düsseldorf 1998

I
Buslinie siebenhundertsechsunddreißig
Hauptbahnhof Oberbilkermarkt
vorbeigefahren
auf der Suche nach Amt fünfzig Stadtverwaltung
Haltestelle Ronsdorfer Straße
Autolärm Last-Verkehr
II
Alu-Felgen im Schaufenster
drehende wirbelnde brausende
vorbei
Reifengeräusche Motorgeräusche
Gluckern Tuckern Zörbeln
III
Bremsen quietschen
der Lärm wabert auf
schäumt auf kocht sprudelt
mit überschäumender Dissonanz
im Gegenübersein
IV
Zieht hinter sich her einen
schiebt vor sich her einen
Lärmvorhang
einen bis zwei Meter voraus
und Getöse hintendrein
V
Brummen
Kuppelgeräusche
Absacken des Tones
Anschwellen Sausen Schnurren Düsen
Fahrradschwäne atemlos
VI
Hupen Kwietschen Quietschen Jopen Tickern der Ampel
Lackgeschosse Windkanaltropfen Kastenwagen
Käfige wie geölte Blitze
VII
Tankstellen Waschstraßen Bordsteine
Numerierte Alpha-numerisch
1:3 1:3 2:2 1:1
mit voller Lade
VIII
Buslinie siebenhundertsechsunddreißig
Oberbilkermarkt
Amt fünfzig Stadtverwaltung
nicht dort
drehendes Zörbeln im Gegenübersein
Last-Verkehr-Getöse hintendrein


Alte Liebe Frankreich

Und wieder reißt es Dich
nach Hause
nach Frankreich
es drängelt in Dir
dorthin
es nimmt Dich mit
ganz mitgenommen kommst Du
doch halb nur an


Billige Bücher in Krakau
Ein Reiseabenteuer

In Krakau fragte ich im Jahr 2002 in einer Buchhandlung: "Haben Sie etwas über Galizien?? Ich stellte die Frage auf polnisch. Aber der Verkäufer lief weg. Er verstand mich nicht. Auch seine Kollegin verstand mich nicht. Oder wollten sie mich nicht verstehen? Da kam mir ein Kunde zu Hilfe: ?Warum interessieren Sie sich denn ausgerechnet für Galizien? Für 100 Jahre hatte Österreich einen Teil Polens besetzt. Heute spricht man von Malopolska.?
Dort wo die Taxiflotte unter dem Namen Galizien fuhr, dort wo die Apotheke unter Galizien firmierte, entpuppte sich das ganze als Mythos und Vermarktung. Denn es gab keine billigen Bücher zu Galizien.
Wir wollten nach Galizien. Wir kamen in Malopolskie und Podkarpackie. Was seit dem Wiener Kongress 1815 durch die Polnische Teilungen zu Österreich gehörte und als Westgalizien nach dem 1. Weltkrieg ab 1918 zu Polen gehörte ist heute neu benannt. Der alte Name ist eine Kränkung für die polnische Seele. Das erfuhren wir in den Modernen Antiquariaten von Krakau. Dort gibt es gleich zwei, wie es für Großstädte üblich ist. Das Centrum Taniej Ksiazki in der Ulica Bracka 5-3 und die Ksiegarnia Na Rogu Tania Ksiazka in der Ulica Wislana.
?Buch? heißt ?ksiaska?, ?billig? heißt ?tani?, ?Buchhandlung? heißt ?ksiegarnia?. Wir waren dort am Sonntag den 21.07. am Abend vor unserer Abfahrt. In der Ksiegarnia Na Rogu half mir also ein Pole mit seinen Englischkenntnissen bei der Verständigung. Für ihn war es eine Beleidigung nach Galizien zu fragen, und ich konnte nur ein Barbar sein, der keine Ahnung hatte, dass er in einem modernen Antiquariat stand, in einer Buchhandlung für billige Bücher: ?In dieser Buchhandlung hier gibt es nur billige Bücher. Man fragt nicht nach, sondern geht herum und greift ab.? Dann nach einer Pause sagte er: ?Man achtet hier nur auf den Preis.?
Als ich darauf bestand ein Buch über Galizien kaufen zu wollen empfahl er mir: ?Es gibt noch eine zweite Buchhandlung dieser Art nur zwei Straßen weiter.? Der Kunde beschrieb uns den Weg dorthin, stellte aber klar, dass er dort selber nicht einkaufen würde aus Loyalität zu diesem Laden. Als wir zurückkamen, weil das andere Geschäft geschlossen war, empfahl er uns ein billiges Buch über Astronomie und Raumfahrt. Er hielt es hoch und sagte: ?Das sollten sie kaufen, es ist ein Schnäppchen. Es ist wirklich billig.? Und er wiederholte noch einmal: ?Galizien gibt es hier nicht, das Gebiet heißt Malopolska.?
Als Buchhändler verkaufte ich im Modernen Antiquariat in Köln 1993 und 1994 die italienische, französische und spanische Ausgabe des Bildbandes ?A Vanished World? von Roman Vishniac stappelweise. Mein damaliger Chef schwärmte von diesem Buch: ?Schau mal, diese Aufnahmen hat Vishniac mit versteckter Kamera gemacht und außer Land geschmuggelt.? Vishniac hatte die verschwundene Welt des Ostjudentums in Galizien und in Krakau fotografiert. Die deutsche Ausgabe gab es ausschließlich bei unserem Mitbewerber ?Zweitausendeins?. Bei uns Buchhändlern hießen diese billigen Bücher einfach nur ?Ramsch?. Wir selber waren ?Ramscher?.
Es gibt natürlich auch wertvolle Bücher über Galizien, sogenannte ?Galicjana? , wie man sie im Katalog der Bibliothek in Rzeszow findet. Im Jahr 1988 kaufte ich mit zwanzig Jahren von meinem Buchhändler in Heilbronn das Buch ?Ostjüdische Geschichten?. Es entpuppte sich als ein literarischer Atlas der Region Galizien. Es war dieses Buch, dass mich zuerst mit Galizien in Berührung brachte.
Aber auch der polnische Autor Andrzej Stasiuk geht mit dem Begriff ganz unkompliziert um und verfasste 1995 einen Band mit Erzählungen der 2002 übersetzt wurde und ?Galizische Geschichten? heißt. Das Buch heißt auch auf Polnisch so, wörtlich könnte man übersetzen ?Erzählungen galizische?.
In Galizien regierte im 19.Jahrhundert die eigentümliche Liberalität der Habsburger, damals war dieser Teil von den Österreichern besetzt. Der Süden Polens zieht heute viele Besucher. Das ehemalige Galizien sind heute die zwei Regionen Kleinpolen und Vorkarparten oder Vorland der Karparten, hier sind sich die Autoren der Reiseführer nicht einig, wie sie den Namen übersetzen sollen.
Andrzej Stasiuk beschreibt in seinen Erzählungen die Typen dieser Landschaft nach dem kommunistischen Regime in Polen. Also Geschichten aus Galizien, obwohl es Malopolskie heißt. Es gibt Polen, die mir sagten es gäbe längst keine Galizianer mehr. Damit meinen sie einen besonderen Menschenschlag, so etwas wie den polnischen Schwaben oder Ostfriesen. Oder den Schlesier. Dem Autor Stasiuk war es ein leichtes diesen galizischen Menschen noch heute zu beschreiben, er lebt ja in dieser Region, Stasiuk hat sie vor der Nase ohne betriebsblind zu sein.
Den Bildband ?Verschwundene Welt? von Roman Vishniac in der billigen Ausgabe von Zweitausendeins fand ich nach der Reise im Regal meiner Frau zwischen all ihren vielen Fotobildbänden.

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