Weihnachtspostbote
Wie der Postbote zum Weihnachtsmann wurde
Von Jan Michaelis
Der Briefträger Hasan Ali Mohammed hatte an Heiligabend viel zu tun. Drei volle Taschen mit Post hievte er auf sein Fahrrad. Und dazu brachte ihm der Fuhrdienst noch vier große grüne Säcke mit sortierten Briefen an die Basispunkte und schloss die plombierten Säcke dort in den grauen Kästen ein.
Es schneite den ganzen Tag und ein eisiger Wind wehte den Schnee in den Straßen von Rath herum. Hasan hatte schon seine drei Taschen leergemacht. Er ging für einen Kaffee in die Bäckerei an der Ecke der Westfalen Straße. Dort taute langsam seine brettharte Jacke auf. Um seine Beine herum bildete sich eine Pfütze aus dem heruntertropfenden Tauwasser.
Dann stellte Hasan wieder Briefe zu. Sack für Sack. Er klingelte und seine Finger hafteten an den Klingelknöpfen. Sein Atem fiel klirrend zu Boden, als er in die Sprechanlage rief: „Briefpost.“
Man öffnete ihm. Hasan warf die Briefe in die Schlitze. An der nächsten Tür fror er am Türknauf fest. Der Schnee lag auf seinen Schultern und eine kleine weiße Haube hatte er auf der Mütze. Sein Bart war nicht mehr schwarz, sondern völlig weiß vom Schnee.
An einem Kiosk kaufte er die dickste Zeitung: „Die Zeit“. Die zerschnitt er mit seiner Schere und dann zog er im nächsten Hauseingang seine Jacke und seinen Pullover aus, legte die Zeit wie eine Rüstung an und zog darüber wieder den Pullover und die Jacke.
Gerade war er wieder an einem grauen Kasten angekommen. Nahm den Sack heraus und wollte ihn gerade aufmachen. Da kam ein kleines Mädchen mit springenden Schritten auf ihn zu und sagte: „Lieber guter Weihnachtsmann, mach doch, dass ich lachen kann, schenk mir doch ein Butterbrot, hilf uns aus der schweren Not. Mach, dass ich dir danken kann. Bist doch ein gar braver Mann.“
Hasan musste lachen. Sein weißer Bart war in seinem schwarzen Gesicht ein starker Kontrast. Doch was sollte er jetzt tun. Ein Pausenbrot hatte er nicht. Und auch sonst kein Geschenk für das Kind. Doch die Kleine schaute ihn erwartungsvoll an.
Hasan überlegte und sagte dann: „Du bist ein gutes Kind. Und in meinem großen goldenen Buch steht, dass du brav warst. Deshalb darfst du heute dem Weihnachtsmann einmal helfen, denn er hat so viele Wünsche an Heiligabend zu erfüllen, da ist der Weihnachtsmann auf brave Kinder, die helfen, angewiesen. Aber nur ein Mal darf jedes Kind helfen. Ein einziges Mal! Hast du verstanden?“
Die Kleine nickte.
„Also siehst du dort den Hauseingang. Da hängt ein Kasten. Dort muss dieses Geschenk hinein.“
Hasan hielt einen großen wattierten Briefumschlag in der Hand und mit der anderen zeigte er auf den Briefkasten. Dann sagte er: „Du darfst dieses Geschenk da hineingeben.“
Das Mädchen streckte die offenen Hände danach aus. Hasan gab ihr den Brief. Sie ging damit zu dem Hauseingang. Hob den Deckel des Briefschlitzes an und drehte sich zu Hasan um. Er nickte, und kleine Eisbrocken fielen aus seinem Bart. Die Kleine legte den Brief in den Kasten ein und Hasan rief laut: „Bravo! Das hast du gut gemacht!“
Da flossen Tränen über das Gesicht der Kleinen. Hasan fragte: „Aber warum weinst du denn?“
„Mir hat noch nie jemand gesagt, dass ich etwas gut gemacht hätte.“ Mit diesen Worten lief die Kleine davon.
Und Hasan dachte: ‚Mir sagt das auch viel zu selten jemand!’
An diesen Weihnachtsabend sollte sich das Mädchen noch lange wohlig erinnern, denn schließlich war sie dem Weihnachtsmann begegnet. Hasan aber war seit dem ein anderer Mensch geworden. Er hatte begriffen, wie wichtig es ist, zu loben.





